was macht man mit einer PL802, die Luft gesogen hat? Zerlegen! Die PL802 ist eine Spanngitter-Endröhre für Breitbandverstärker, der normale Verwendungszweck ist als Video-Endstufe in Farbfernsehgeräten. Die Steilheit ist mit 40mA/V enorm und der maximale Kathodenstrom mit 100mA auch nicht schlecht, und sie verträgt trotz der kleinen Anodenbleche 6W Verlustleistung. Es ist übrigens keine "klassische" Pentode, sondern eine Strahl-Tetrode, statt enem Bremsgitter hat sie Leitbleche, welche die Sekundärelektronen zur Anode zurücklenken, und die Anode ist entsprechend geformt. Schaltungstechnisch ist es aber dasselbe wie eine Pentode.
Hier das Resultat der Zerlegung:
Der Glaskolben (das Glas ist übrigens nur 0.7mm dick), der Getter-Beschlag ist von der gesogenen Luft weiss:
Der Heizfaden, im Gegensatz zu vielen anderen Röhren nicht verdrillt und wegen der Serieheizung recht dick isoliert, die Isolation verträgt immerhin 200V.
Hier die noch zusammengesetzte Röhre ohne Kolben, man sieht schön das Schirmgitter, das "Bremsgitter" (die mit dem etwa in der Mitte befindlichen Steg verbundenen Bleche) sowie die beiden Anodenbleche (oben und unten ganz aussen). Links ist auch die Kühlfahne für das Steuergitter und der Getter (runde Scheibe) zu sehen.
Die versammelten Elektroden (von links nach rechts): Kathode, Steuergitter (Spanngitter), Schirmgitter, Leitblech (Bremsgitter) und Anode:
Die Anode (aufgebogen), der Elektronenbeschuss hat Spuren hinterlassen:
Das Spanngitter, es ist so fein, dass die Kamera am Anschlag war. Von Auge sieht man nur Moiré-Muster, wenn man es bewegt, die Drähte sind unsichtbar.
Hier sieht man an den beiden Enden die Distanzhalter, das Gitter kann man vergrössert knapp erkennen.
Hier noch das Spanngitter und die Leitbleche (Bremsgitter) von oben:
Ein richtiges Meisterwerk, alle Achtung, vor allem wenn man bedenkt, dass diese Röhre für ein (zwar teures) Massenprodukt hergestellt wurde. Auch andere Spanngitterröhren (EF183, EF184, PCC88, PCC189) wurden bekanntlich in der Unterhaltungselektronik eingesetzt.
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12.08.18 11:28
Antennow
nicht registriert
12.08.18 11:28
Antennow
nicht registriert
Re: Die Spanngitterröhre PL802
Hello HB9,
die Spanngitterröhren gehören nach meiner Meinung zum Endstand der Röhrenentwicklung und waren durchaus Wunderwerke. Mir hat in den 60er Jahren ein Mitarbeiter des Funkwerkes Erfurt erzählt, wie die Spanngitter für die Röhren EF183 und EF184 hergestellt wurden.
Die Gitter bestanden aus haardünnem Wolframdraht. Die sehr stabilen Gitterstege hatten Kerben im Abstand der Gitterdrähte, in welche der Gitterdraht unter dem Arbeitsmikroskop Windung für Windung handgesteuert hineingewickelt wurde (Bioroboter würde man heute sagen). Durch die Zugkraft fand eine Kaltverschweißung statt.
Es gab nur wenige Arbeitsplätze dafür, fast nur mit jungen Frauen besetzt. Die nervzehrende Tätigkeit war nur wenige Stunden durchzuhalten und man mußte gut drauf sein, um überhaupt arbeiten zu können. Folge und auch sensationell für damals: Die Frauen konnten sich ihre Arbeitszeit total frei einteilen. Bezahlt wurde nach Stücklohn. Diese Frauen haben bis zu 3500 Mark pro Monat verdient und waren damit in der Gehaltsgruppe des Werksdirektors!
war das in der DDR oder auch im Westen, dass die Spanngitter von Hand gewickelt wurden? Allzu teuer durfte die Produktion ja auch nicht sein, da es in einem Fernseher mit der PCC88, PC86, PC88, EF183 und EF184 in den besten Zeiten ja immerhin 5 Spanngitterröhren verbaut wurden, und die PCC88 hatte gleich zwei Spanngitter.
Unsere Firma hat gerade gezügelt. Wenn die Einrichtung wieder verfügbar ist, schaue ich mir das Spanngitter mal unter dem Mikroskop an. Mit meinen heimischen optischen Hilfsmitteln konnte ich keine Kerben in den Stegen feststellen, was aber noch nichts heisst.
ich spreche zwar auf "Wumpus Welt der Radios" das Thema Spanngitterröhren an, habe aber keine Details-Fotos einer geöffneten Spanngitterröhre. Hier würden Deine Fotos gut hinpassen. Was sagst Du dazu?
mir hat's der Angestellte aus dem Funkwerk Erfurt so erzählt. Ich gehe aber davon aus, daß zu dieser Zeit der Westen auch nicht anders gearbeitet hat, denn Computer gesteuerte Maschinen für die geforderte Präzision gab es damals noch nicht. Ich habe bei Jogi einen informativen Link gefunden, mit einem Bild einer Gitterwickelei. So ähnlich wurden ja auch die ersten Transistoren zusammengeschmiedet, endlos lange Reihen mit "Biorobotern".
Was den Preis der Röhren betrifft, kann man sich leicht ausrechnen, daß die wesentlich besseren Parameter Kostenersparnis bewirkten, wenn nur noch zwei anstatt drei ZF-Stufen in den TV-Geräten notwendig waren und auch die Tuner besser und billiger wurden, da man sich vom teuren Spulenrevolver verabschieden konnte.
das ist eine Frage, die sehr schwer zu beantworten sein wird. Die "normale" ECC83 kann auch sehr wohl eine Spanngitterröhre sein. Wie man im Netz lesen kann, sind die Fertigungswerkzeuge von Telefunken zu Tesla und dann zu JJ gegangen. JJ kennzeichnet die Spanngitterversion mit ECC83S. Es kann aber sein, dass auch eine ECC83 ein Spanngitter hat. Das sieht man der Röhre von aussen nicht an. Liegen die beiden Glimmerscheiben entsprechend der Systemhöhe 9,5mm auseinander, kann man wohl von einem Spanngitter ausgehen.
Gruss Walter
Nachtrag: Die Spanngittertechnik erfordert einen geringeren Abstand des Steuergitters zur Kathode, Steilheit und Empfindlichkeit steigen. Damit die Röhre wieder den Originalkennlinien gehorchen, wurde die übrige Konstruktion geändert. In der audiophilen Szene sind diese Röhren wegen der geringen Mikrophonie begehrt. Andererseits wird dort alles im unteren Preissegment (obwohl qualitativ top!) abgelehnt, wie zum Beispiel die ECC83S.
wenn man die Frage stellt, was der Einsatz von Spanngitterröhren in Radios bringen konnte, wird sicher hauptsächlich die Steigerung der Empfindlichkeit im Hinblick auf die geplante Einführung der Stereofonie und/oder verbesserter Fernempfang der Grund gewesen sein.
Jacob Roschy vom "radiomuseum.org" liefert dazu einen kleinen Hinweis, den ich hier zitiere:
" 1958 wurde diese Röhrenreihe durch die Zweifachtriode ECC86 für ÜKW- Eingangsstufen ergänzt. Die für diesen Anwendungsbereich notwendige Steilheit konnte man nur mit einem Spanngitter erreichen, wie es bereits in der Fernsehtechnik angewendet wurde (s. unten). Mit dieser Röhre war es möglich, Hybrid-Empfänger für Kraftwagen ohne Zerhacker oder Gleichspannungswandler auch als AM-, FM-Empfänger zu bauen. So interessant diese Entwicklung vom technischen Standpunkt auch war, so konnte sie sich doch gegen die rasch fortschreitende Transistortechnik nicht mehr durchsetzen."
Dieser Beitrag wurde am 26.Dec.14 09:18 von Jacob Roschy editiert.
Meine Schlußfolgerung lautet: Die Spanngitterröhre kam für den Einsatz in der Rundfunkgeräte-Industrie zu spät. Ausnahme waren wenige Autoradios und Geräte der Spitzenklasse.
In der DDR-Radioindustrie gab es sowas schon deshalb nicht, weil "Fernempfang" äußerst unerwünscht war :-) Aber einige Bastler haben ihre UKW-Tuner von ECC85 auf ECC88 umgebaut, wie auch ich damals! Grüße ans Forum,
@Rainer: Selbstverständlich darfst du meine Bilder der PL802 nutzen. Wenn unser Profi-Fotograf mal wieder hier ist, kann er eventuell noch bessere Fotos machen, aber ich möchte noch nichts versprechen.
Ich gehe davon aus, dass es kaum Radios mit Spanngitterröhren gegeben hat. Einerseits war die "Standard-Lösung" mit ECC85, ECH81 und EF89 für die allermeisten Nutzer gut genug, und andererseits wurden auch bei Spitzengeräten kaum Kaskode-Vorstufen eingesetzt, die auch mit der "normalen" ECC84 deutlich besser als die ECC85-Lösung waren. So hatte auch der ursprüngliche "Celerina" (UKW-Spitzengerät) eine "normale" ECC85-Schaltung, nur der ZF-Teil war mit 3*EF80 und getrenntem AM-ZF-Teil aufwendiger gebaut. Im Nachfolgemodell "Celerina E6400" wurden dann die EF80 durch die EF184 ersetzt und er bekam die Kaskode-Schaltung mit der ECC84 und separatem Mischer/Oszillator mit der ECF80. Durch den Einsatz der EF184 wurde keine Röhre gespart, dafür ist die Begrenzung wegen der höheren Verstärkung besser, und weiter wurden die Schwingkreise loser an die Gitter angekoppelt, so dass die nicht ganz konstante Gitter-Kapazität weniger Einfluss auf die Bandfilter hatte.